| Selfdestructive Insanity |
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Monday, 3. July 2006
Kurzgeschichte: Dreizehn Schritte ins Nichts
majinsamurai, 03:10h
„Sieh mal, wie schön der Sonnenuntergang ist“, flüstert sie mir zu.
Ganz leise, ich kann sie kaum verstehen. Ich nicke. Sie legt ihren Kopf auf meine Schulter und ich schließe, leicht geblendet, meine Augen. Ich drücke ihre Hand und sie seufzt leise. „Was hast du getan, bevor du hierher kamst?“, fragt sie mich, ohne zu mir hochzusehen. „Nicht viel“, erwidere ich und lächle. Sie sieht es nicht. „Gar nichts?“, fragt sie. Ich überlege kurz und meine Lippen flüstern: „Dasselbe wie immer“ „Dasselbe wie immer?“, fragt sie und sieht mich an. Ich nicke. „Dasselbe wie immer“, sage ich und seufze leise. „Was hast du denn getan?“ Ihre Antwort ist dieselbe. „Dasselbe wie immer“, sagt sie und seufzt. Ja, selbst an diesem besonderen Tag hatten wir nichts anderes getan, als das, was wir an jedem Tag unseres sinnlosen Lebens getan hatten. Wir standen auf, wuschen uns, zogen uns an, machten uns Essen vom Vortag warm und waren allein. Wie jeden Tag und doch war es anders. Ich weiß, dass sie dasselbe denkt wie ich jetzt, doch ich sage nichts. Stumm starren wir gen Himmel und es ist, als könne ich ihre Gedanken spüren. Als könne ich lesen, hören, fühlen, was sie gerade denkt. Derselbe Himmel wie immer, denkt sie. Ich kann es hören. Derselbe Himmel wie immer, hauchen ihre Gedanken und doch ist er nicht derselbe. Er ist der letzte und das wird er für immer sein. Für uns. Ich streiche ihr die Haare aus dem Gesicht und sie schließt ihre wunderschönen Augen. Ihre Lippen küssen meine und meine Hände umschlingen ihren Rücken. Ich verliere den Halt, falle zurück auf das flache Dach und reiße sie mit. Ihr Körper fällt auf meinen und sie legt ihren Kopf vorsichtig auf meine Brust. Ich spüre ihren Atem an meinem Hals. Er wärmt meine kühle Haut. „Werden wir uns wiedersehen?“, höre ich ihre Stimme flüstern und langsam überkommt mich ein Gefühl von Einsamkeit. „Ich weiß es nicht“, flüstere ich zurück. Wir flüstern, als würde uns jemand zuhören. Als stünde etwas hinter mir, sähe auf mich herab und mustere mein Gesicht, als verschlänge dieses Etwas jedes Wort das wir sprachen und doch sind wir allein. Nur der Himmel kann uns sehen, nur er kann uns hören, doch er schweigt. Eine tiefe Melancholie übermannt mich, ein Abgrund tut sich in meinem Innersten auf. Ein unendlich tiefer Abgrund, wie jener, über den ich gerade meine Beine baumeln lasse. Eigentlich sollte ich der glücklichste Mensch der Welt sein. Ich habe so eine wunderbare Freundin gefunden, die mir auf allen Wegen folgte, die ich ging und auch auf meinem letzten Weg wird sie mich begleiten. Nein, nicht weil ich es wollte. Eigentlich wollte ich diesen Weg nicht beschreiten, doch irgendwann hatte ich keine Alternativen mehr und auch ihr war es so gegangen. Wir hatten uns, doch in einer Welt wie dieser reichte das nicht mehr. Wir waren untergegangen, wie kleine Boote im tosenden Meer. Und niemand kam, um uns zu retten. Die Sonne ist beinahe untergegangen. Immer noch starre ich in den Himmel und suche Antworten, die es nicht gibt, auf Fragen, die keine sind. Langsam stehen wir auf und sehen auf den Abgrund hinab, der sich vor uns auftut. „Mein Leben ... es hat mir nichts bedeutet“, flüstere ich und lasse meinen Blick über die Hausdächer schweifen. Sie nickt und ich sehe Zustimmung in ihren Augen. Ganz ruhig steht sie neben mir, als warteten wir auf einen Bus, als stünden wir vor ihrer Haustür. Langsam dreht sie sich um und greift nach meiner Hand. Auch ich drehe mich um. „Ich liebe dich“, flüstert sie. „Ich dich auch“, antworte ich und drücke ihre Hand. „Wir werden uns wiedersehen“, sage ich ganz leise. Wie in Zeitlupe lassen wir uns nach hinten in die Tiefe fallen. Ganz langsam zieht alles an uns vorbei. „Ein junges Paar ist vom Dach gesprungen“, werden sie rufen und es steht in allen Zeitungen auf der ersten Seite, oben, ganz dick und fett. Sie werden herumfantasieren, warum wir es taten. Sie werden Lügen verbreiten, sie werden maßlos übertreiben oder uns für verrückt erklären. Doch das alles hat keine Bedeutung mehr für uns. Dreizehn Stockwerke fallen wir hinunter. Dreizehn Schritte gehen wir. Und der Himmel schweigt. ... comment |
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Letzte Aktualisierung: 2006.12.26, 23:24 status
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