| Selfdestructive Insanity |
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Monday, 3. July 2006
Kurzgeschichte: Rotwein
majinsamurai, 03:09h
Ihre rechte Hand umklammerte den Hals einer Rotweinflasche. Sie ging langsam über den Gehweg, als hätte sie alle Zeit der Welt. Sie erinnerte sich daran, wie schön sie sich gestern Nachmittag noch mit ihrem besten Kumpel übers Internet unterhalten hatte. Die beiden hatten über Gott und die Welt geredet, über alles mögliche, wichtige wie unwichtige. Er hörte ihr immer zu, wenn sie etwas auf dem Herzen hatte. Ja, er war immer der wichtigste Mensch in ihrem Leben gewesen. „Du bist der Einzige, dem ich etwas bedeute“, hatte sie ihm immer wieder geschrieben. „Auch in den dunkelsten Nächten gibt es Licht“, hatte er immer geantwortet.
Nach der Schule ging sie immer sofort nach Hause. Nicht, dass sie dies gerne tat. Sie hasste ihr Zuhause. Der einzige Grund, warum sie letztendlich immer wieder dorthin zurückkehrte, war ihr Computer. Das Internet. Eine Welt gebaut aus Daten, mit Menschen ohne Gesichtern. Hier konnte jeder sein, was er wollte, hier konnte jeder Bewusstsein sein, körperlos. Hier waren alle gleich. Sie lief vor der Realität weg. Mit einem Klick auf „Verbindung ins Internet“ schaltete sie ihre materielle Welt aus und überschrieb diese mit der Virtualität. Sie hatte keine Freunde in der Realität, doch im Internet umso viele. Sie war richtig beliebt. Es war, als machte das Internet aus all den gesichterlosen Menschen, die in ihm lebten, das Gegenteil davon, was sie in der Realität gewesen waren. Doch nun war alles vorbei. Sie konnte nicht zurück. Nicht zurück nach Hause. Nicht zurück zu ihrem Computer. Sie warf die Flasche in einen grünen Altglascontainer und hörte, wie diese zerbarst. Es war, als könne sie den Wein hören, der nun durch all die vielen Splitter bis zum Boden des Containers sickerte. Die Flasche war nicht leer gewesen. Plötzlich kam ein dünner Faden roten Weines unten aus dem Container geflossen. Rot. Sie rannte. In eine wahllos bestimmte Richtung, Hauptsache weg. Weg von dieser Flasche. Weg von diesem Rot. Irgendwann blieb sie, angestrengt hustend, auf einer Brücke stehen. Ihr Atem erzeugte kleine Wölkchen in der kalten Winterluft, genauso wie der Atem aller anderer Menschen dieser Welt. In der Sache waren sie sich alle gleich. Sie alle machten beim Atmen kleine Wölkchen in die kalte Luft im Winter. Sie lächelte. Ihre Hände stützten sich an das Brückengeländer. Ihr Gesicht war eiskalt. Es war wie immer gewesen, dachte sie sich. Er war betrunken. Wie immer hatte er sie angeschrieen und beschimpft. Wie immer hatte er ihr gesagt, wie wertlos und überflüssig sie war. Immer hatte sie nur den Kopf eingezogen und nichts gesagt. Doch diesmal war es zuviel. Ein Mal zuviel. Es war wie ein Tropfen Wasser. Einer zuviel und das Glas lief über. In ihrem Fall war es ein riesiger Tank voller Hass und Verzweiflung. Kaum hatte er sich umgedreht, war das Schwert in seinem Rücken. Ein Schwert, das immer friedlich an ihrer Wand gehangen hatte. Zur Verzierung. Doch gerade die schönsten Dinge konnten gefährlich sein. Schweigend stach sie ihn nieder. Sie hatte nicht viel Kraft, doch er war zu überrascht, um sich zu wehren. Er schrie laut auf vor Schmerz. Kurze Zeit später lag er stumm auf dem Boden. Wie ein Gemälde, dachte sie sich. Ein rotes Gemälde. Nun musste sie wieder an die Rotweinflasche denken. Sie war die letzte Flasche gewesen, aus der er getrunken hatte. Jahrelang hatte er diesen billigen Rotwein getrunken. So wie der Wein in seinen Rachen floss, war auch das Blut aus seinem leblosen Körper herausgeflossen. Mit der Flasche warf sie symbolisch alles weg, was gewesen war. Sie kratzte an dem Blutfleck auf ihrer Hose. Eine Soldatenhose. Sie hatte ihren Feind besiegt, doch gewonnen hatte niemand. ... comment |
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Letzte Aktualisierung: 2006.12.26, 23:24 status
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