| Selfdestructive Insanity |
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Monday, 3. July 2006
Kurzgeschichte: Keine Zeit
majinsamurai, 03:08h
Wir saßen am Esstisch und schwiegen uns an. Es gab Salamipizza. Sie nippte stumm an ihrem Wein und ich biss lautlos an meinem Pizzastück herum. Es war eine seltsame Atmosphäre, fast bedrückend. Auch das Radio, das normalerweise leise Lieder sang, blieb ausgeschaltet. Nichts rührte sich bis auf unsere Hände, die ohne jeden Ton Wein und Pizza zu unseren Mündern führten. Rotwein, bester Jahrgang, eigentlich mein Lieblingswein, doch er schmeckte mir nicht. Heute nicht. Er wirkte wässrig und fade. Ich nahm an, dass Sie in dem Moment genauso dachte, denn sie schob ihr bereits leergetrunkenes Glas sichtlich unzufrieden zur Seite.
Am Tag zuvor hatten wir uns gestritten. Über eine absolute Lappalie, etwas so Unnützes, dass andere Menschen wohl nur müde lächeln würden, wenn sie jenes Problem gehabt hätten. Doch zwischen uns war es ein Problem gewesen. Sicherlich gab es viele Paare die dasselbe Problem auch hatten, doch ich verstand nicht so recht, warum ausgerechnet wir uns so schrecklich darüber gestritten hatten, dass wir nicht mehr miteinander redeten. Ich war wie immer von der Arbeit nach Hause gekommen, hing meine Jacke auf und zog meine Schuhe aus. Dann stand sie vor mir, küsste mich auf die Lippen und fragte mich, ob wir denn nicht zusammen weggehen könnten, noch am selben Abend. „Irgendwohin, ins Kino oder was feines Essen gehen“, sagte sie, in der Hoffnung ich würde zustimmen. Doch ich tat es nicht. Ihr glücklicher Gesichtsausdruck verwandelte sich in eine düstere Miene. „Warum? Weil du müde bist?“, fragte sie in einem sarkastisch anmutenden Ton. Ich nickte teilnahmslos. „Nie gehst du mit mir aus. Ich bin den ganzen Tag lang alleine zu Hause, mache den Haushalt und koche. Es ist ja nicht so, dass ich das nicht gerne tun würde, aber ich wohne mit DIR zusammen, oder? Ich möchte dich nicht immer nur schlafen sehen. Ich möchte mal mit dir ausgehen, mit dir Spaß haben. Du hast nie Zeit für mich!“ Ich sah sie an. Plötzlich kam sie mir damit. Sie hatte das nie zuvor angesprochen. Sie hatte recht. Doch mein Ego wollte nicht resignieren. Ich warf mit allerlei Ausreden um mich. Wie erschöpft ich immer nach der Arbeit war und dass ich einfach nie früher gehen könne, weil ich nun mal so viel zu tun hätte. Ich könne doch eine Ausnahme machen, schließlich war sie meine Ehefrau, nörgelte sie, doch ich schüttelte nur mit dem Kopf. Ich weiß nicht mehr genau wie es dazu kam, doch dann fingen wir an, uns allerlei Gemeinheiten an den Kopf zu werfen, brüllten uns an und beschimpften uns gegenseitig. Dass keine Vasen oder derartige Gegenstände durch die Luft geworfen wurden, grenzte sicher an ein Wunder. Wir hatten uns nie gestritten, hatten immer Respekt voreinander gehabt. Doch irgendwo schien dieser eines Tages verblichen zu sein. Wir hatten uns auseinandergelebt. Sie versuchte nur verzweifelt wieder eine Beziehung zu mir aufzubauen, unsere Ehe zu leben. Eine Ehe die einstmals real existiert hatte, nicht nur auf Papier. Ich verstand sie nicht. Ich wollte sie nicht verstehen. Ich wollte nur meine Ruhe haben. Ich war schließlich erschöpft, nicht wahr? Irgendwann hatten wir aufgehört und schwiegen uns nur noch an. Tagelang. „Kommst du mit mir mit in mein Lieblingsrestaurant?“, fragte sie mich einige Tage später vorsichtig. Ich wunderte mich, dass sie endlich das Schweigen brach. Doch genervt schüttelte ich den Kopf. Ich hatte keine Lust. Sie ging allein und kam nie wieder. Ich wartete den ganzen Abend lang, doch sie kam nicht. Klar machte ich mir Sorgen, allerdings war ich mir relativ sicher, dass ihr nichts zugestoßen war. Doch dem war nicht so. Gegen 2 Uhr morgens klingelte das Telefon. Genervt ging ich dran und murmelte meinen Namen. Es meldete sich ein Mann mittleren Alters und sagte etwas von einem Krankenhaus, Notaufnahme, und meiner Frau sei etwas zugestoßen. Ich solle so schnell wie möglich kommen. Ich glaubte meinen Ohren kaum, zog mich an, rannte zum Auto und fuhr zum Krankenhaus. Ich wusste nicht mehr wo die Notaufnahme war und musste erst ein paar Minuten lang herumlaufen um mich zu orientieren, da ich durch den falschen Eingang hereingeeilt war. Ich rannte zu einer Krankenschwester, nannte ihr meinen Familiennamen und sagte ihr, meiner Ehefrau sei etwas passiert und sie solle mich zu ihr bringen. Sie führte mich zu einer Tür, vor der ein Arzt stand und auf den Boden starrte. Ich fragte ob meine Frau in dem Raum wäre. Der Arzt nickte leise und antwortete, ich solle nicht hineingehen. „Wir konnten sie nicht retten. Es tut mir leid“ Ich starrte ihn wortlos an. Die Krankenschwester legte sich eine Hand vor den Mund und sah auf ihre Schuhe. „Ist sie tot?“, fragte ich den Arzt erneut. Er nickte resigniert. Ich fiel auf die Knie und lehnte mich mit dem Rücken an die Wand neben mir. Ich weinte. Es waren heiße Tränen, wie kochendes Wasser. Mein ganzes Gesicht brannte. Ich dachte an nichts anderes als an den Moment, als sie mir vor Tagen gesagt hatte „Du hast nie Zeit für mich!“. Du hast nie Zeit für mich. Du hast nie Zeit für mich. Du hast NIE Zeit für mich ... „Es tut mir leid!“ schrie ich in meinem Inneren, immer noch weinend. Schluchzend. Meine Gedanken rasten durch meinen Kopf, ohne mehr zu hinterlassen als Schmerz. Ich wollte mit ihr ins Restaurant gehen, Rotwein trinken und sie lächeln sehen. „Scheisse“, dachte ich mir und stütze den Kopf auf die Arme. „Mein Herr, Sie können sich da nicht einfach hinsetzen“, flüsterte die Krankenschwester daraufhin. „Ich kann Sie verstehen aber...“ „Ich will sie sehen. Meine Frau“, wimmerte ich, in der Hoffnung man könne mich noch einigermaßen verstehen. Die Krankenschwester sowie auch der Arzt der neben mir stand, versuchten, mich davon abzubringen, doch ich bestand darauf. Es war ein normaler OP-Raum. Geflieste Wände, überall seltsame Geräte von denen wahrscheinlich nur die Ärzte selbst wussten, wofür sie da waren. Inmitten des geordneten Chaos lag ein Körper auf einem Bett, zugedeckt mit einem weißen Tuch. Ich trat näher heran und hob jenes Tuch an, um zu sehen was darunter war. Meine Ehefrau. Sie hatte völlig zerzauste Haare, Unmengen von verkrustetem Blut übersäten ihr Gesicht und ihren Körper. Es waren Blutergüsse zu erkennen. Es roch nach kaltem, nassen Metall ... Blut ... „Was ist geschehen?“, fragte ich einen anderen Arzt der mit im Raum stand. Er erzählte mir von einem betrunkenen Autofahrer, der nachts heimfuhr und meine Frau erfasste, als sie am Straßenrand entlang ging. Beide wollten nach Hause. Beide kamen nie an. Beide starben. Ich seufzte und legte wieder das Tuch über sie. Schweigend wischte ich mir mit beiden Händen die Tränen aus dem Gesicht. „Danke. Ich gehe nach Hause. Rufen Sie mich an, wenn etwas ist“, sagte ich dem Arzt der noch auf dem Flur stand und ging. Er nickte nur. Ein Glas Wasser war alles was ich trank, als ich wieder zu Hause war. Immer noch hatte ich den Geruch von Metall in der Nase. Wieder schwirrte mir im Kopf herum, was sie mir vor wenigen Tagen gesagt hatte. Du hast nie Zeit für mich. Plötzlich vermisste ich sie. Ich wollte sie umarmen. Ich rannte in unser Schlafzimmer, doch sie war nicht da. Im Bad, im Esszimmer, im Wohnzimmer, in meinem Arbeitszimmer. Nirgendwo war sie zu finden. Selbst wenn ich ans Ende der Welt gelaufen wäre, ich hätte sie nicht gefunden. Alles was von ihr übrig war, war ein blutverschmierter Leichnam. Überall waren Anzeichen davon, dass sie einst existiert hatte. Ihre Kleidung, ihre Schuhe, die Schminksachen im Bad, die Fotos an der Wand im Flur... Als würde sie gleich zur Türe hereinkommen und ihren Mantel abstreifen. Ich weinte. Ich hatte sie geliebt. Ich hatte sie wirklich geliebt. Warum zur Hölle war ich nur so ungerecht zu ihr gewesen? Ich war zu beschäftigt. Ich hatte keine Zeit für sie. Warum? Ich war ein Dickschädel gewesen, zu stolz, um sie auch einmal glücklich zu machen. Sie hatte sich nur um mich bemüht, doch ich wollte sie nicht verstehen. Sie war alleine gewesen. Nun war ich allein und es war meine Schuld. Wäre ich mit ihr mitgegangen, dann wären wir mit dem Auto gefahren. Wir wären ins Restaurant gegangen, hätten uns etwas leckeres bestellt. Wir hätten uns ein wenig unterhalten. Vielleicht hätten wir uns auch versöhnt, vor allem aber hätte ich mich entschuldigen sollen. Doch was hatte ich getan? Ich hatte sie alleine gehen lassen. Für immer. Sie würde nie wiederkommen. Immer mehr wurde es mir bewusst. Noch ein Glas Wasser. Ich fühlte mich so schuldig. Ich hatte sie gehen lassen. Langsam schlug ich den Kopf gegen eine Wand in der Küche. Hier hatten wir neulich gegessen und kein Wort gesagt. Welch Zeitverschwendung das nur gewesen war. Man hätte so viel reden können. Noch einmal kam meine Stirn auf der kalten Wand auf. Leiser Schmerz durchzuckte meinen Kopf. Ich setzte mich auf einen Stuhl. Schnurrend stand unser Kater auf dem Tisch und ich streichelte ihn. „Sie kommt nicht mehr zurück“, sagte ich ihm unter Tränen. „Nun sind wir allein...“ ... comment |
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Letzte Aktualisierung: 2006.12.26, 23:24 status
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