Selfdestructive Insanity
Monday, 3. July 2006
Kurzgeschichte: Der tote Schmetterling
Ein Schmetterling. Er liegt auf dem Fensterbrett, umgeben von Licht. Sein Körper leuchtet weich in verschiedenen Farben. Er wirkt, als würde er schlafen, doch lebendig ist er nicht mehr.

Durchs geschlossene Fenster hindurch kann ich eine Wiese mit unzähligen Blumen, Bäumen und Sträuchern sehen. Zärtlich berühre ich die Flügel des toten Insekts und stelle mir unwillkürlich seine letzten Stunden vor.
Wie er vergebens versuchte, durch die Glasscheibe hindurch zu fliegen, dorthin, wohin er sich gehörte. Wie er immer wieder mit seinem kleinen Köpfchen gegen die Glasscheibe prallte. Ob ihn jemand dabei gesehen hatte?
Ich fühle Mitleid mit diesem kleinen Geschöpf. Eine grausame Vorstellung, zu verhungern, während man von seinem natürlichen Lebensraum und dem damit verbundenen Futter nur durch eine dünne Glasscheibe getrennt ist. Wie es wohl ist, in solch grenzenloser Verzweiflung zu verenden?

Ich sehe genauer hin und stelle fest, dass das Fenster eigentlich gar nicht richtig geschlossen, sondern nur einen winzigen Spalt offen ist. Ich ziehe nur leicht am Griff und schon ist es offen. Der Wind selbst hatte es zugeschlagen und das kleine Geschöpf dahinter eingesperrt.
Ob er es leid war, Schmetterlinge wie diesen ständig durch die Lüfte zu tragen, sodass er ihn absichtlich dort eingesperrt hatte?
Wie lange er wohl schon tot war?
Ich nehme ihn vorsichtig auf meine linke Hand und sehe erneut hinaus auf die Wiese. Sachte umspielt der Wind meine Wangen. Ob jener Wind so grausam sein konnte, ein kleines, harmlose Lebewesen einfach einzusperren?
Langsam öffne ich die Tür zur Terrasse und gehe hinaus. Kaum bemerkbar bewegen sich seine Flügel rhythmisch im Wind, doch das nützt ihm auch nichts mehr.
Er ist schon längst tot.
Bedächtig schreite ich über die Pflastersteine und anschließend hinaus auf die Wiese. Blumen und Gräser streichen an meinen Beinen vorbei, doch das stört mich nicht. Ich gehe auf einen Baum zu und knie mich nieder. Mit den bloßen Händen grabe ich ein kleines Loch und lege seinen leblosen Körper vorsichtig hinein.
Leise schiebe ich die herausgegrabene Erde wieder zurück.

Es ging ihm nicht besser als den meisten Menschen dieser Welt. Eingesperrt hinter Mauern aus Glas starren sie auf das, was sie hätten haben können. Auf jene Dinge nach denen sie sich sehnen. Manche von ihnen schlagen mit dem Kopf gegen jene Glasscheibe, vielleicht, weil sie sie gar nicht wahrnehmen, vielleicht jedoch auch, weil sie sich ihrer bewusst sind und diese einfach nur durchbrechen wollen.
Letztendlich sind sie doch eingesperrt, abgetrennt und werden vergessen. Vielleicht sind sie auch einfach zu kurzsichtig. Doch im Gegensatz zu einem Schmetterling können Menschen Fenster öffnen.
Manchmal müssen sie sie, anstatt mit dem Kopf gewaltsam dagegen zu laufen, einfach nur ganz sanft aufziehen.

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Letzte Aktualisierung: 2006.12.26, 23:24
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